Kreisorganisation Weimar-Apolda-Sömmerda des BSVT

Sinnliche Genüsse im Dunkeln

Am 3. und 4. Oktober lud der Blinden und Sehbehindertenverband Thüringen, Kreisorganisation Weimar und Apolda zu einer Sinneswahrnehmung der besonderen Art ein.

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An den beiden Abenden konnte man in der Gaststätte Schwanseeschlösschen in Weimar an einem Essen im Dunkeln teilnehmen. Damit wurde den Besuchern die Gelegenheit geboten, sich in die Lage eines Sehbehinderten versetzen zu können. Was für Blinde alltägliche Handlungen sind, über die sie sich keine besonderen Gedanken machen, stellt Sehende vor erhebliche Probleme.
Auch ich durfte an dieser Veranstaltung am 4. Oktober teilnehmen. Vor dem Betreten des Lokals war ich schon mächtig aufgeregt. Wie würde ich mit der Dunkelheit zurechtkommen? Gelingt es mir, mit Besteck und Teller beim Essen umzugehen, ohne mich zu blamieren? Wie werden die sinnlichen Wahrnehmungen sein beim Essen in völliger Dunkelheit? All das waren Fragen, die ich mir im Vordergrund der Veranstaltung stellte.
Als es dann losging, stellte ich fest, dass es den anderen Teilnehmern ähnlich erging. Alle waren in einer heiteren, aber zugleich auch erwartungsvollen Stimmung. So wurden wir dann im völlig verdunkelten Raum an unsere Plätze geführt. Es dauerte nicht lange und man hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt. So langsam war es sogar möglich, den Raum um sich herum wahrzunehmen. Durch Tasten, Fühlen und akustische Wahrnehmung entstand ein Bild vor dem inneren Auge, wodurch man sich in seinem Umfeld orientieren konnte. Schon bald waren alle Gäste in angeregte Gespräche vertieft, wobei immer noch eine gewisse Unsicherheit zu spüren war. Doch dann kamen die Getränke und das Essen. Eine neue Herausforderung stand uns bevor. Die Bedienung erfolgte durch Blinde, die uns nicht verrieten, was sich auf den Tellern vor uns befand. Somit musste jeder Gast seinen Teller selbst „erforschen“. Nicht nur, dass das anfangs recht schwer war, weil man ja nichts sah und der Umgang mit dem Besteck im Dunkeln ungewohnt war, es wurde vielmehr auch eine gehörige Portion Vertrauen abverlangt, da man ja nicht sah, was sich auf dem Teller befand. Daher kostete der erste Bissen durchaus etwas Überwindung. Allerdings war jedwedes Misstrauen unbegründet, da das aus zwei Gängen bestehende Menü äußerst delikat war. Durch das Fehlen des Sehens wurden die anderen Sinne geschärft, so dass der Geschmack der einzelnen Zutaten auch viel intensiver zur Geltung kam.
Spätestens nach dem Essen war jede Aufregung passé und man fühlte sich wohl in der Dunkelheit, so dass man gerne noch etwas länger blieb und sich noch ein Bier oder ein anderes Getränk gönnte. In der entspannten Atmosphäre verging die Zeit im Flug. Daher war es schon bald an der Zeit, wieder zurück ins Licht und die Welt des Sehens zu kommen. Im Vorraum hatte der Blindenverband unter Leitung von Herrn Leibiger zahlreiches Informationsmaterial aufgebaut, so dass man einen guten Einblick in das Leben eines Menschen mit Sehbehinderung erlangen konnte. Vertreter des Blindenverbandes gaben bereitwillig Auskunft und demonstrierten die Funktionsweise der einzelnen Geräte. Auch konnte man selbst zum Beispiel ausprobieren, wie eine Schreibmaschine für Blindenschrift funktioniert.
Soviel Spaß die Veranstaltung auch gemacht hat, so ist der Hintergrund jedoch ein sehr ernster. Als normal Sehender macht man sich keine Gedanken, welche Probleme vorhanden sind, wenn der Sehsinn ausfällt und man sich nur noch auf die anderen Sinne verlassen muss. Durch das Essen im Dunkeln erfolgte eine Sensibilisierung für die daraus entstehenden Probleme. Ich bin überzeugt, dass jeder Gast beim gestrigen Abend diese Erfahrung gemacht hat und in Zukunft die Welt mit anderen Augen wahrnehmen wird. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte und hoffe, dass noch viele Menschen dazu Gelegenheit haben werden. Verständnis für die Probleme von Menschen mit Behinderung ist der erste Schritt zur Schaffung einer barrierefreien Umgebung für Alle.

Arbeitsgemeinschaft Weimar für Alle

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